Alle reden über Boomer, Millennials, Gen Y und Z – nur die, die heute in ihren Fünfzigern stehen, tauchen in diesen Debatten kaum auf.
Die Generation X ist das blinde Eck im großen Generationen-Geschrei – und genau die Truppe, die den Laden hier seit Jahrzehnten am Laufen hält.
Wir sind die, die Unternehmen führen, Projekte durchziehen, Verantwortung tragen, morgens den Schlüssel umdrehen und abends als Letzte das Licht ausmachen – aber in den Talkshows, Leitartikeln und Insta-Tiraden kommen wir praktisch nicht vor.
Unsere Schulzeit war kein Wohlfühl-Workshop mit Methodenkoffer, Sozialpädagogik und iPads, sondern Kreide, Kälte und Konsequenzen.
Klassen mit 30 Köpfen waren normal, Differenzierung hieß: Wer nicht mitkam, hatte halt Pech – Nachhilfe war kein Grundrecht, sondern Luxus.
Lehrer hatten mehr Autorität als jede App – Tafelanschrien, Spott vor der Klasse, Eltern auf der Seite der Schule, nicht auf der Seite des „armen Kindes“.
Heute jammern einige über zu wenig WLAN im Klassenzimmer – wir waren schon froh, wenn die Heizung halbwegs lief und der Overheadprojektor nicht mitten in der Stunde abrauchte.
Wir sind in einer Welt groß geworden, in der „Krise“ nicht der Ausnahmezustand war, sondern der Standard-Hintergrundton.
Da war der schneereiche Winter 1978/79, in dem ganze Regionen im Norden im Schnee versanken, Straßen unpassierbar waren, Dörfer abgeschnitten, Stromleitungen zusammenbrachen und Panzer beim Freiräumen helfen mussten.
Vorher und danach: Ölkrisen, autofreie Sonntage, Tempolimits, Spritknappheit – die Republik auf dem Fahrrad über die Autobahn, weil die Scheichs den Hahn zugedreht hatten.
Dazu saurer Regen, Angst um die Wälder, das Ozonloch, Tschernobyl, Aids, Kalter Krieg, Balkankriege, Wirtschaftskrisen, Inflation, steigende Arbeitslosigkeit – jede Dekade hatte ihr eigenes „Das wird jetzt richtig schlimm“-Narrativ.
Wir haben das alles nicht „weggeatmet“ oder mit Achtsamkeits-App begleitet, sondern schlicht durchgestanden, weitergelernt, gearbeitet, Familie gegründet, Rechnungen bezahlt.
Wir hatten keine Handys, kein Internet, keine Dauerverfügbarkeit und kein „Google es doch“ – und doch sind wir morgens aufgestanden und haben den Tag überlebt.
Wenn man sich verspätet hat, musste man eine Telefonzelle suchen oder einfach pünktlich sein – keine Live-Ortung, kein zehnmaliges „Bin gleich da“ über Messenger.
Information gab es aus Zeitung, Radio, drei TV-Programmen, Lexikon im Regal – und trotzdem wussten wir, was in der Welt los war.
Mobbing passierte auf dem Schulhof und im Klassenraum, nicht 24/7 über Displays – hart genug, aber es hörte irgendwann auf, wenn man die Schultür hinter sich zugemacht hatte.
Wenn wir schon durch Krisen mussten, dann wenigstens mit einem verdammt guten Soundtrack.
Die 80er und 90er haben uns mit Bands und Künstlern versorgt, die heute noch Stadien füllen: Queen, U2, Depeche Mode, The Police, Metallica, AC/DC, Nirvana, Guns N’ Roses, Prince, Madonna, Whitney Houston, Michael Jackson und viele mehr.
Wir hatten Elton John, Boy George und andere, bei denen allen klar war, dass sie auf Männer standen – es war uns egal, weil ihre Musik einfach gut war und wir uns nicht für deren Liebesleben interessiert haben, sondern für das, was aus den Boxen kam.
Identität, Sexualität, Orientierung – alles Themen, klar, aber nicht der Mittelpunkt jeder Unterhaltung; im Mittelpunkt stand die Musik, und die war großartig.
Wir sind aufgewachsen mit Eltern und Großeltern, die Krieg, Nachkriegszeit und echte Armut erlebt hatten – entsprechend klar war die Ansage: „Lern erst mal was Anständiges.“
Handwerk, Ausbildung, Bürojob, irgendetwas Solides, bevor man über Studium, Selbstverwirklichung oder „Ich mache erstmal was mit Medien“ nachdenken durfte.
Viele von uns haben genau diesen Weg gemacht: erst Ausbildung, dann Studium, oft berufsbegleitend, neben Familie und Job – nicht, weil es hip war, sondern weil es nötig war.
Während wir mitten im Berufsleben standen, wurde das Renteneintrittsalter mal eben nach oben geschoben – zwei Jahre länger ackern, ohne dass jemand fragte, ob das für unsere Körper, unsere Branchen oder unsere Lebensläufe überhaupt Sinn ergibt.
Parallel hat man die anrechenbaren Studienzeiten für die Rente zusammengestrichen, also: länger arbeiten, weniger angerechnet bekommen – eine ziemlich dreiste Rechnung zu unseren Lasten.
Viele von uns standen (und stehen) im Sandwich: eigene Kinder großziehen, gleichzeitig sehr alte Eltern betreuen, emotional, organisatorisch und nicht selten auch finanziell auffangen.
Elternzeit, Vätermonate, flächendeckende Betreuung – das sind Komfortzonen, die nach uns kamen; wir haben improvisiert, umorganisiert, Jobs gewechselt, Nachtschichten geschoben und die Familie irgendwie drumherum arrangiert.
Die Frauen unserer Generation durften sich ihren Platz in einer oft verkrusteten, männlich dominierten Arbeitswelt hart erkämpfen, ohne Quote, ohne Diversity-Abteilung, dafür mit Sprüchen, über die heute jede Compliance-Schulung sofort einen Bericht schreiben würde.
Wer damals rausflog oder in eine Krise geriet, landete nicht weich – Bürgergeld gab es nicht, stattdessen Hartz-IV-Systeme mit minimalem Schonvermögen, und so wurde so manche private Altersvorsorge in kürzester Zeit pulverisiert.
Wir sind nicht die Generation, die jeden Unmut sofort auf Social Media dokumentiert; wir haben gelernt, die Zähne zusammenzubeißen und weiterzumachen, vielleicht zu oft.
Wenn etwas schiefgeht, posten wir nicht erst drei Selfies mit Filter und einem dramatischen Text, sondern räumen den Scherbenhaufen weg, zahlen die Rechnung und stehen am nächsten Morgen wieder auf der Matte.
Wir halten Unternehmen, Verwaltungen, Krankenhäuser, Handwerksbetriebe, Labore und Büros am Laufen, ohne aus jedem Problem eine Weltpremiere im persönlichen Drama-Festival zu machen.
Aber wenn Generationen-Bashing schon Volkssport ist, dann gehört die Generation X wenigstens sichtbar auf das Spielfeld – nicht als Opfer, sondern als die, die trotz all dem immer noch jeden Tag den Laden schieben.
Am Ende geht es nicht darum, wer angeblich „schuld“ ist, sondern darum, dass jede Generation eine faire Chance auf gute Arbeit und solide Altersabsicherung verdient – ohne Ausspielen der einen gegen die andere.
Wenn wir halbwegs klug sind, hören die Jüngeren auf, uns für Altlasten haftbar zu machen, und die Älteren auf, die Jungen für alles Neue zu verachten – denn ohne die Erfahrung der Xler und die Energie der anderen Generationen wird dieses System ziemlich sicher vor die Wand fahren.
Die Generation X ist in der heutigen Debatte vor allem eines: die leise, aber tragende Statik zwischen all den lauten Fassaden.
Wir sind mit Schallplatte, Kassette und Röhrenfernseher groß geworden und haben später Serverräume, E-Mail, Smartphone und Cloud eingeführt – nicht als Spielzeug, sondern als Werkzeug.
Damit sind wir die Brücke zwischen einer Welt, in der man noch zum Chef ins Büro musste, und einer, in der alles per Teams-Call, App und Workflow läuft.
Typisch Gen X: nicht lange fragen „Warum fühlt sich das für mich gut an?“, sondern „Wie kriegen wir das Ding fertig?“.
Wir sind lösungsorientiert, misstrauen leeren Parolen, übernehmen Verantwortung und haben eine hohe Arbeitsmoral – ohne daraus eine religiöse Identität zu basteln.
Viele von uns stehen gleichzeitig in der Verantwortung für Kinder und für alternde Eltern – Vollzeitjob, Elterntaxi, Pflegekoordination, Papierkram inklusive.
Das ist die berühmte Sandwich-Position: Wir sind die, die noch Mails beantworten, während sie im Wartezimmer mit den Eltern sitzen und abends Hausaufgaben erklären.
Gen X ist meistens loyal gegenüber Arbeitgebern – aber nicht blind.
Wer uns Vertrauen, Respekt und Gestaltungsspielraum gibt, bekommt Leistung, Stabilität und Zuverlässigkeit; Micromanagement und Bullshit-Bingo treiben uns eher Richtung Ausgang.
Wir können mit neuer Technologie umgehen, haben sie oft im Unternehmen mit aufgebaut, sind aber nicht süchtig nach Dauerbespaßung durch Algorithmen.
Digitalisierung ist für uns Mittel zum Zweck: Prozesse verbessern, schneller werden, Kunden besser bedienen – nicht nur Content produzieren, damit der Feed voll ist.
Was uns heute besonders ausmacht: Wir sind die Generation, die selten in Panels gefeiert wird, aber in den Orga-Charts fast überall Schlüsselpositionen hält.
Wir führen Teams, halten Know-how zusammen, entscheiden mit, schlichten Konflikte – und wir tun das meistens, ohne jeden Schritt zur „Story“ zu machen, sondern einfach, weil der Laden laufen muss.
Wir aus der Generation X stehen beim ganzen Gender-Gedöns irgendwo zwischen Augenrollen und Kopfschütteln – und ja, das darf man so sagen.
Wir sind groß geworden in einer Zeit, in der Väter malocht haben und Mütter oft Teilzeit oder zuhause waren – und wir haben erlebt, wie Frauen selbstverständlich in den Beruf gegangen sind, Karriere gemacht und Verantwortung übernommen haben.
Für uns ist echte Gleichberechtigung völlig logisch: gleicher Lohn, gleiche Chancen, gleiche Rechte – aber dieses aufgepumpte Gender-Theater mit Sternchen, Doppelpunkten und Zungenbrechern im Satz geht uns hart auf den Keks.
Wir beurteilen Menschen danach, ob sie ihren Job machen, gerade stehen, wenn es brennt, und sich anständig verhalten – fertig.
Ob jemand Mann, Frau, bi, schwul, lesbisch oder sonst was ist, war uns schon in den 80ern und 90ern ziemlich egal, solange der Mensch in Ordnung war – wir hatten Elton John und Boy George im Regal, nicht als Polit-Statement, sondern weil die Musik gut war.
Wir haben keine Lust, jeden Satz zu prüfen, ob irgendwo jemand einen Anlass findet, beleidigt zu sein.
Wenn mehr Energie in gendergerechte Formulierungen fließt als in den Versuch, echte Probleme zu lösen – Fachkräftemangel, Bezahlung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie – dann läuft etwas gewaltig schief.
Wir können andere respektvoll ansprechen, ohne dass uns irgendein Leitfaden vorschreibt, welches Wort heute erlaubt und morgen „problematisch“ ist.
Wir brauchen keine künstlich verbogenen Sätze, damit sich irgendwer im Elfenbeinturm moralisch überlegen fühlt, während in der echten Arbeitswelt der Laden trotzdem funktionieren muss.
Wir aus der Gen X haben einen ziemlich ausgeprägten Gerechtigkeitssinn, aber wir glauben an gesunden Menschenverstand, nicht an sprachliche Zwangsgymnastik.
Wir wollen faire Chancen, klare Regeln, keinen Mist gegenüber Frauen, Männern oder sonst wem – aber wir machen unseren Alltag nicht zur religiösen Gender-Übung, sondern zur Baustelle, im Büro, im Betrieb, wo Arbeit erledigt werden muss.
Kurz gesagt: Wir behandeln Menschen anständig, ohne jedes Wort zu gendern – und wir sehen keinen Grund, uns dafür auch noch rechtfertigen zu müssen.
Wir aus der Generation X sind mit Umweltkrisen groß geworden – und mit dem dazugehörigen politischen Getöse gleich mit.
In den 80ern stirbt der Wald, hieß es. Saurer Regen, tote Bäume, düstere Titelbilder, „Deutschland ohne Wald“ – volle mediale Eskalation.
Dann Ozonloch: Wir verbrennen alle, Sonnencreme reicht nicht mehr, ganze Generationen angeblich kurz vor der Mikrowellen-Haut.
Später Rinderwahnsinn, BSE: „Fleisch macht irre“, Kühe als wandelnde Gefahr, Supermarktwarnungen, Talkshow-Panik.
Und was ist passiert?
Nach jedem medialen Feuerwerk: Funkstille. Kein täglicher Status mehr, kein Countdown zur Katastrophe – das Thema verschwand aus der ersten Reihe, als hätte jemand den Schalter umgelegt, und das nächste Untergangsszenario stand schon bereit.
Wir haben das als Jugendliche und junge Erwachsene schon mit einem gewissen Augenrollen verfolgt:
Neue „größte Krise aller Zeiten“.
Kurzer Berichtsmarathon, Politiker vor Kameras.
Forderung nach Verboten, Abgaben, neuen Programmen – also mehr Kontrolle und mehr Steuern.
Zwei, drei Wochen später: neues Thema, neue Panik.
Uns war früh klar: Die Probleme sind real, aber der Modus ist oft Show.
Dass Umwelt ernst ist, hat uns keiner erklären müssen – das wussten wir. Aber wir haben genauso schnell gemerkt, wie gern mit Angst gearbeitet wird, um Stimmung zu machen, Budgets aufzublasen und den Leuten wieder ein bisschen tiefer in die Tasche zu greifen.
„Wir sind die Generation, die Probleme löst, statt sie zu posten.“
„Wir haben gelernt, die Zähne zusammenzubeißen – ohne Duckface für Selfies.“
„Während andere sich ‚finden‘, sind wir halt arbeiten gegangen.“
„Wir brauchen keine Trigger-Warnung, wir hatten die 80er.“
„Wir kennen den Unterschied zwischen Meinung haben und Drama veranstalten.“